testo peaking

for percussion, modified drumset, piano and video

composition part of my bachelors concert

03.02.2026, Trossingen


program notes in german:

Ist das wirklich alles, was man tun muss, um heute ein „echter Mann“ zu sein?

„testo peaking“ beschäftigt sich mit dem „Internetphänomen“ der „Alpha-Männer“. Das sind Männer, die hauptsächlich auf der Internetplattform Tik-Tok Videos verbreiten, in denen meist konservative, misogyne und patriarchale Weltanschauungen beworben werden. Sie inszenieren sich als dominante, leistungsorientierte Idealfiguren, die Erfolg, Kontrolle und Härte propagieren. Sie erschaffen ein Männlichkeitsbild welches sie durch Lautstärke, Dominanz, Abwertung von „Schwäche“ und Selbstinszenierung definieren. 

Diese – für mich – fragwürdigen Inhalte verwende ich für meine Komposition.

Indem ich die Videos der „Alpha-Männer“ fragmentiert in kleinen Schnipseln, neu zusammenstelle, löse ich sie aus ihrem ursprünglichen Kontext. Die Schnipsel zeigen jene Eigenschaften, welche die Männer als männlich definieren: Dominanz, Leistung, emotionale Härte, Validation durch Lautstärke. 

Durch die ständige Wiederholung und Verdichtung dieser Video-Ausschnitte – Gesten, Laute/Geräusche, Musik, Sprache -, überzeichne ich diese „Männlichkeitsideale“. Sie werden im Verlauf des Stückes immer mehr zum ästhetischen Material. Die Wiederholung fungiert als Distanzierung aber auch „Entleerung“ des Inhalts der „Alpha-Männer“. Was ursprünglich als klare Botschaft erscheint, verliert durch ständiges Wiederholen seine Autorität und wird „ausgehöhlt“. In der Mitte des Stücks verschiebt sich der Fokus auf animalische und tierische Konnotationen der referenzierten Videos. Der Vergleich zwischen tierischem Verhalten – Affen, die sich auf die Brust schlagen, Tiere, die ihr Territorium verteidigen – und dem der „Alpha-Männer“ ist bewusst überzeichnet und karikaturhaft aber zeigt doch die eigentliche männliche Unsicherheit.

Die mediale Komposition der Fragmente imitiert die Eigenschaften der „Alpha-Videos“ – schnell, laut, chaotisch, überzeichnet. Ich nehme die aggressiven Eigenschaften dieser Videos und übersetze sie in musikalische Parameter. Die Überforderung durch Lautstärke, Dichte und Geschwindigkeit ist dabei eine bewusste kompositorische Entscheidung, die das Publikum mit einer Ästhetik konfrontiert, welche keine Pause oder Abstand vom Stück lässt und ständig Aufmerksamkeit einfordert.

Das Verhältnis zwischen Medien und instrumentaler Komposition ist komplementär. Die musikalische Ebene unterstützt die mediale Komposition, indem sie die Motive und Passagen des Videos instrumental unterstützt und klanglich erweitert. In weiten Teilen des Stücks spielen Video und Instrumente parallel miteinander und erzeugen so eine Verflechtung der medialen und musikalischen Ebenen.  

Am Ende stellt sich die Frage: Ist das wirklich alles, was man tun muss, um heute ein „echter Mann“ zu sein?