Fuck Bitch

for flute, clarinet, piano, percussion, violin, viola and electronics

Programm notes in german:

Ich bin auf die Suche gegangen. Nach Glücksmomenten, Highlights und Stilblüten der Sprechgesangskunst seit den 2000er Jahren. Gefunden habe ich: „Fuck“, „Bitch“, „Nutte“, „Ficken“, „Dick“, „Fick“, „Schlampe“, „Balls“, „Pussy“. Nicht weniger interessant auch einige Phrasen und Teile von Sätzen, welche den Zusammenhang des zuvor gefundenen Sammelsuriums, mit Hilfe lyrischer, poetischer Meisterleistungen in einen völlig neuen Kontext bringen: „Bitch, I made you“, „Die Nutte will es“, „Look at your bitch, agh (Ausdruck des Ekels)“, „I just want that brain, bitch“, „Ich fick dich“, „Fick deine Mutter“.

In meinem Stück „Fuck Bitch“ für Kammerensemble und Elektronik setze sich mich kritisch mit der sexualisierten Sprache der Hip-Hop-/Rap-Musik auseinander. Die Idee dahinter, eine musikalische Kritik an den Texten und eine persönliche Auseinandersetzung mit den Werten, Codes und patriarchalen Bräuchen in diesem Genre, welche ich früher – oft unreflektiert – als selbstverständlich betrachtete.

Ich suche nach Möglichkeiten, die Ästhetiken klassischer zeitgenössischer Kunstmusik und Hip-Hop-Musik, also Hochkultur und Pop-Kultur miteinander zu verbinden und dabei die Ästhetik des Hip-Hops, der auf Kosten marginalisierter Gruppen – vor Allem Frauen – funktioniert, zu entlarven; Diskrepanzen zu finden, die das Publikum herausfordern sollen.

Hip-Hop und Rap-Musik ist, wie für viele aus meiner Generation, auch für mich ein prägendes popkulturelles Genre aus der Jugendzeit, welches Zugehörigkeit, eine gewisse „Coolness“ aber auch das Rebellieren gegen veraltete und konservative gesellschaftliche Normen – dem Establishment –, bedeutet hatte.

Mitte der 90er Jahre etablierte sich Hip-Hop auch in Deutschland, nachdem er in Amerika schon an Popularität gewonnen hatte. In der sich neu bildenden deutschen Szene, mit Künstlern wie „Die Fantastischen Vier“ und „Beginner“, war deutscher Hip-Hop noch stark von Humor, Reimkunst, Wortwitz, aber auch mit tiefgründigen, philosophischen und teils auch sozialpolitischen Texten geprägt. Dieser rebellische, poetische und politische Hip-Hop wurde nach der Jahrtausendwende jedoch schnell rückfällig in Konservatives, männliches Chauvinistisches, Patriarchales und Machohaftes. Der Ton wurde rauer, vulgärer, die einstige Rebellion wich einem neuen Konservatismus in dem die Rollen zwischen den, hauptsächlich männlichen Rappern, und vor Allem der Frau klar verteilt waren: Der Rapper ist männlich, dominant, potent, kontrollierend. Die Frau: „Bitch“, „Nutte“, „Schlampe“ – Objekt, Ware, Statussymbol. Gerade im Gangster-Rap wurde die Verachtung des Weiblichen nicht nur zum Teil der Ästhetik, sondern oft auch Verkaufsargument für diesen. Gewaltfantasien und Erniedrigung des anderen Geschlechts, zum Beispiel durch Posen mit halbnackten, den – aus heutiger Sicht toxischen – damaligen Schönheitsidealen entsprechenden Frauen in Musikvideos, wurden zum Mainstream.

In meiner Komposition arbeite ich mit ausgewählten Fragmenten, Ausschnitten – grotesk und verstörend – aus deutsch- und englischsprachigen Texten von Hip-Hop und Rap-Stücken der letzten beiden Jahrzehnte, welche ich semantisch und rhythmisch dekonstruiere. Die entstandenen Samples dienen als Grundlage für die elektronische Zuspielung, welche – der Ästhetik der „Musique Concréte“ ähnelnd – als rhythmisches Grundgerüst für die instrumentale Komposition dient: Klänge werden verfremdet, geloopt, geschichtet.

Dem präzise komponiert, klanglichen Archiv von Sexismen steht ein Kammerensemble aus Flöte, Klarinette, Klavier, Schlagzeug-/Percussion-Set, Violine und Viola gegenüber. Die Instrumente reagieren auf das elektronische Material, erweitern, kontrastieren es und antworten auf die Elektronik. Verse aus den Texten werden durch musikalische Phrasen unterstützt, einzelne fragmentierte Einwürfe der Elektronik erwidert oder unterstrichen, Pausen zwischen Elektronikeinsätzen dienen als semantischer Kontrast – zwischen Hip-Hop-Musik und Avantgarde –, musikalische Reflexion, Kommentar oder crescendierendes Moment zum nächsten klimaktischen Ausbruch des elektronischen Gegenpartes des Ensembles. Zwischen Verstärkung und Wiederspruch entsteht eine musikalische Verhandlung, Konversation zwischen makabren Wort-, Satzfetzen und detailliert komponierter Instrumentalmusik.

Ein zentrales Gestaltungsmittel der Komposition ist die Entfremdung der Textausschnitte; auf technische Art – effektiert, verändert, neu arrangiert im Computer – wie auch von ihrer semantischen, pop-kulturellen Bedeutung – mit Hilfe der Instrumentalkomposition.

Die Alleinstehenden Fragmente werden aus ihrem Zusammenhang in Hip-Hop-Texten gerissen und re-kontextualisiert. Folge dieser Verzerrung ist die tatsächliche Absurdität der Texte, speziell die Verwendung von diskriminierenden, frauenfeindlichen Ausdrücken und Satzfetzen. Die dominante, misogyne, aggressiv-sexuelle „Coolness“ des Rappers erhält lächerliche Züge. Gleichzeitig wird durch die sich ständig wiederholenden Samples die Banalität und Monotonie der Texte unvermeidlich deutlich. Schon vor 20 Jahren wurden die Mütter angefeindeter Rapper gefickt und Bitches als Statussymbole gesehen. Diesen lyrischen Stillstand, der jedoch im Verlaufe des letzten Jahrzehnts mehr und mehr zum Mainstream in Hip-Hop und Rap-Musik wurde, hinterfragt meine Komposition.

Ich zeige mit „Fuck Bitch“ keine Alternative oder Lösung auf, die dieses Genre so dringend nötig hätte, ebenfalls versuche ich auch keinen „perfekten“ oder „besseren“ Text zu erfinden. Ich setze dem Zuhörenden wie auch den Künstler*innen einen Spiegel vor und konfrontiere sie mit dem Gegenwärtigen – warum ist es immer noch normal, solche Texte zu feiern? Wie gehen wir mit diesen Inhalten um, die solche problematischen Bilder und Einstellungen – vor Allem auch an Kinder, Jugendliche und Heranwachsende – projizieren?

Ich möchte mit meiner Komposition auch keine moralische, feministische Belehrung verüben – dazu fühle ich mich als männliche Person nicht in der Lage, weiter steht es mir auch nicht zu. Ich möchte irritieren, verstören, überzeichnen, zur Reflektion anregen. Die Absurdität, welche die Synthese aus hochkultureller Ästhetik und plumpen, makabren, sexistischen Verschmähungen verursacht, mag zunächst lustig und amüsant sein – man stelle sich einen Konzertsaal vor, in dem die brutalsten Beschimpfungen, monoton aus den Lautsprechern gellen – beim zweiten Hören jedoch wahrscheinlich nicht mehr so. Die Musik soll nicht nur gefallen und unterhalten, sondern provozieren, fordern.

Die Komposition ist auch eine persönliche Verarbeitung, Aufarbeitung der Texte aus Hip-Hop und Rap-Musik, denen ich früher selbstverständlich und unkritisch gegenüberstand. Die anfängliche Faszination über „coole“ Rapper und ihrer machohaften, diskriminierenden, frauenfeindlichen Art sehe ich heute kritischer. Mit der Komposition versuche ich mich aus diesem neu-konservativen, verachtenden Selbstverständnis herauszuwenden, dem kritisch gegenüberzustehen und künstlerisch zu begegnen.

Fuck Bitch ist der Versuch, mich diesen Fragen und Problemen künstlerisch zu stellen und Anreize zum Überdenken dieser, zum Mainstream gewordenen Pop-Kultur, zu geben.

Programm notes in english:

I went searching. For moments of bliss, highlights, and stylistic gems of rap since the 2000s. What I found: „Fuck,“ „Bitch,“ „Whore,“ „Ficken,“ „Dick,“ „Fick,“ „Slut,“ „Balls,“ „Pussy.“ Equally interesting were some phrases and sentence fragments that, through lyrical and poetic masterpieces, placed the previously discovered collection in a completely new context: „Bitch, I made you,“ „The whore wants it,“ „Look at your bitch, agh (expression of disgust),“ „I just want that brain, bitch,“ „I’ll fuck you,“ „Fuck your mother.“

In my piece „Fuck Bitch“ for chamber ensemble and electronics, I critically examine the sexualized language of hip-hop/rap music. The idea behind it is a musical critique of the lyrics and a personal exploration of the values, codes, and patriarchal customs in this genre, which I previously took for granted—often without reflection.

I’m looking for ways to connect the aesthetics of classical contemporary music and hip-hop music, that is, high culture and pop culture, while exposing the aesthetics of hip-hop that operate at the expense of marginalized groups—especially women; to find discrepancies that are meant to challenge the audience.

Like for many of my generation, hip-hop and rap music were formative pop-cultural genres for me during my youth, representing belonging, a certain „coolness,“ but also rebellion against outdated and conservative social norms—the establishment.

In the mid-1990s, hip-hop also established itself in Germany, after having already gained popularity in America. In the emerging German scene, with artists like Die Fantastischen Vier and Beginner, German hip-hop was still strongly characterized by humor, rhyme, wordplay, but also by profound, philosophical, and sometimes socio-political lyrics. However, after the turn of the millennium, this rebellious, poetic, and political hip-hop quickly regressed into conservatism, male chauvinism, patriarchy, and macho posturing. The tone became harsher and more vulgar; the former rebellion gave way to a new conservatism in which the roles between the (primarily male) rappers and, above all, the woman were clearly defined: The rapper is male, dominant, potent, and controlling. The woman: „bitch,“ „whore,“ „slut“—object, commodity, status symbol. Especially in gangster rap, the contempt for the feminine became not only part of the aesthetic but often also a selling point. Violent fantasies and the degradation of the opposite sex, for example through poses with semi-naked women in music videos that conformed to the then-toxic beauty ideals, became mainstream.

In my composition, I work with selected fragments and excerpts—grotesque and disturbing—from German and English lyrics of hip-hop and rap tracks from the last two decades, which I deconstruct semantically and rhythmically. The resulting samples serve as the basis for the electronic backing, which—similar to the aesthetics of musique concrète—provides the rhythmic framework for the instrumental composition: sounds are distorted, looped, and layered.

This precisely composed, sonic archive of sexism is juxtaposed with a chamber ensemble of flute, clarinet, piano, drum/percussion set, violin, and viola. The instruments react to the electronic material, expanding and contrasting it, and responding to the electronics. Verses from the texts are supported by musical phrases, individual fragmented electronic interjections are answered or underscored, and pauses between electronic elements serve as semantic contrast—between hip-hop music and the avant-garde—musical reflection, commentary, or a crescendo leading up to the next climactic eruption of the ensemble’s electronic counterpart. Between amplification and contradiction, a musical negotiation emerges, a conversation between macabre fragments of words and sentences and meticulously composed instrumental music.

A central compositional device is the alienation of the text excerpts; both technically—effectualized, altered, and rearranged on the computer—and from their semantic, pop-cultural significance—through the instrumental composition.

The isolated fragments are torn from their context within hip-hop lyrics and recontextualized. The consequence of this distortion is the actual absurdity of the texts, especially the use of discriminatory, misogynistic expressions and sentence fragments. The rapper’s dominant, misogynistic, aggressively sexual „coolness“ takes on ludicrous dimensions. At the same time, the constantly repeating samples highlight the banality and monotony of the lyrics clearly. Even 20 years ago, the mothers of rappers at enmity were fucked, and bitches were seen as status symbols. My composition questions this lyrical stagnation, which, however, has become increasingly mainstream in hip-hop and rap music over the last decade.

With „Fuck Bitch,“ I’m not presenting an alternative or solution that this genre so desperately needs, nor am I trying to invent a „perfect“ or „better“ lyric. I’m holding a mirror up to the listener and the artists, confronting them with the present – ​​why is it still normal to celebrate such lyrics? How do we deal with this content, which projects such problematic images and attitudes – especially to children, teenagers, and young adults?

I also don’t want to deliver a moral or feminist lecture with my composition – as a man, I don’t feel capable of that, nor is it my place. I want to irritate, disturb, exaggerate, and provoke reflection. The absurdity created by the synthesis of aesthetics and crude, macabre, sexist insults might initially seem funny and amusing—imagine a concert hall where the most brutal insults blare monotonously from the speakers—but upon second hearing, it probably won’t be so appealing anymore. The music isn’t just meant to please and entertain, but to provoke and challenge.

The composition is also a personal processing, a reworking of the lyrics from hip-hop and rap music, which I used to accept uncritically. My initial fascination with „cool“ rappers and their macho, discriminatory, and misogynistic attitudes now strikes me as more critical. With this composition, I’m trying to break free from this neo-conservative, contemptuous self-image, to critically engage with it, and to confront it artistically.

Fuck Bitch is an attempt to address these questions and problems artistically and to provide incentives to rethink this pop culture that has become mainstream.

This text was translated from German to English.